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Gesundheitsexperten: Ausgaben für Prävention sind wichtiger als solche für Kuration

Artikel 0585 Die jetzige und auch alle früheren Gesundheitsreformen haben die massiven Interessenkonflikte um Finanzierungsströme im Gesundheitssystem zwischen Fach- und Hausärzten, Krankenhäusern, Pharmaindustrie und Apotheken verdeutlicht. Der Anteil am GKV-Ausgabenkuchen für die einzelnen Leistungsanbieter wird sehr viel eher bestimmt von der Durchschlagskraft ihrer Lobbyisten als von Effizienz- und Nutzenberechnungen oder Patienteninteressen. Doch wie sähe es aus, wenn man dieses politische Hintertür-Gerangel außer Kraft setzt und Mediziner und Gesundheitsexperten frei entscheiden ließe, welche medizinischen und pflegerischen Leistungen vorrangig und welche mit eher nachgeordneter Priorität zu finanzieren sind?

Diese Fragestellung (nach Kriterien der Priorisierung in der Bevölkerung) hat ein Forscherteam aus England und Australien im Rahmen eines u.a. von der WHO finanzierten Projektes aufgegriffen. Sie befragten dazu rund 250 Teilnehmer an einem WHO-Kongress, allesamt Mediziner, Pharmazeuten oder Gesundheitswissenschaftler in unterschiedlicher beruflicher Position, tätig im Öffentlichen Gesundheitswesen oder auch bei Pharmaunternehmen, allesamt maßgebliche Entscheidungsträger in den Gesundheitssystemen ihrer Länder. Die Forscher wählten Teilnehmer aus Ländern mit einem mittleren Lebensstandard aus (Indonesien, Bulgarien, Iran, Indien, Südafrika, Thailand). Sie alle bekamen einen Fragebogen, auf dem 10 verschiedene Maßnahmen der Gesundheitsversorgung aufgelistet waren und sollten diese in eine Rangfolge von 1-10 bringen, je nachdem, für wie wichtig sie die einzelnen Leistungen hielten. Die 10 Maßnahmen waren:

1.) Krankheitsverhütung bei Kindern (z.B. Impfungen)
2.) Nichtraucher-Kampagnen für Kinder
3.) Hausärztliche medizinische Versorgung bei alltäglichen Erkrankungen
4.) Brustkrebs-Früherkennungsuntersuchungen (Screening)
5.) Intensivpflege für Säuglinge nach der Geburt
6.) Unterstützung für pflegende Angehörige
7.) Behandlung schizophrener Patienten
8.) Versorgung mit künstlichen Hüftgelenken
9.) Herztransplantationen
10.) Krebstherapien für Raucher

Die Maßnahmen waren in einer völlig anderen Reihenfolge als in der obigen Liste vorgegeben. Diese Liste gibt jedoch wieder, in welcher Reihenfolge die Befragungsteilnehmer die einzelnen Leistungen nach ihrer Wichtigkeit einstuften. Danach zeigt sich also unter dem Strich, dass präventive Maßnahmen und insbesondere Leistungen für Kinder ganz vorne rangieren. Weit hinten finden sich Therapien zur Verlängerung des Lebens oder zur Verbesserung der Lebensqualität. Zwischen den beteiligten Ländern fanden sich auch einige Unterschiede, etwa, was die Einstufung der Maßnahmen zur Therapie schizophrener Patienten anbetraf. Unter dem Strich fanden die Wissenschaftler jedoch eine sehr hohe Übereinstimmung. Überraschend war für das Forscherteam auch, dass sich die aus Südafrika stammenden Teilnehmer aus dem Öffentlichen Gesundheitswesen und solche aus Pharma-Unternehmen in ihren Bewertungen kaum unterschieden.

Zur gesundheitspolitischen Bedeutung ihrer Studie hoben die Wissenschaftler hervor, dass die Prioritätensetzung der befragten Experten in krassem Widerspruch steht zu den tatsächlich zu beobachtenden Finanzierungsströmen für die Gesundheitsversorgung: "Diese starke und übereinstimmend höhere Gewichtung präventiver gegenüber kurativen Leistungen steht in erheblichem Widerspruch zu den tatsächlichen Finanzierungsprioritäten in den meisten Ländern der Welt. Im Jahre 2004 entfielen bei den OECD-Mitgliedsstaaten lediglich 2.8 Prozent der öffentlichen und privaten Gesundheitsausgaben auf Präventionsprogramme."

Die Studie ist hier im Volltext in der Zeitschrift "PLOS Medicine" (February 20, 2007) nachzulesen: What Drives Health-Care Spending Priorities? An International Survey of Health-Care Professionals

Die Meinung der hier befragten ausländischen Gesundheitsexperten untermauert noch einmal die Kritik an der übergewichtigen Rolle von Kuration im Vergleich zur Prävention, die auch in Deutschland schon mehrfach geäußert worden ist. Diese Kritik findet sich beispielsweise im Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2000/2001 "Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit - Bd. I: Zielbildung, Prävention, Nutzerorientierung und Partizipation". In einer Zusammenfassung der dort hervorgehobenen Defizite äußern sich auch Stefan Greß, Stephanie Maas und Jürgen Wasem in ihrer Expertise für die Hans-Böckler-Stiftung Effektivitäts-, Effizienz- und Qualitätsreserven im deutschen Gesundheitssystem wie folgt: "Vernachlässigung von Prävention. Da die Heilungschancen bei chronischen Krankheiten gering sind, sei eine frühzeitige Prävention wichtig. Gerade für chronische Krankheiten bestehe eine deutliche Unterversorgung im Bereich der Primärprävention. Der SVR sieht ein starkes Missverhältnis zwischen der Überversorgung im Bereich der kurativen Behandlung und der Unterversorgung im Bereich der Prävention und Rehabilitation von chronisch Kranken."

Gerd Marstedt, 21.2.2007