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Cochrane-Review von 34 Studien zeigt, dass Gewaltpräventionsprogramme an Schulen wirksam sind

Artikel 1542 Egal, ob Schulen wegen der an ihnen vorherrschenden Gewalttätigkeiten zu "no-go-aereas" werden, ob in einigen Landtagswahlkämpfen der letzten Jahre Gewalttaten von ausländischen Jugendlichen thematisiert werden: Nach jeder öffentlichen Gewalttat von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen kommt rasch die Frage auf, ob und wie derartige Ereignisse jenseits des Strafrechts vermieden werden können und ebenso schnell werden sekundärpräventive Gewaltpräventionsprojekte in Schulen als Patentrezept entdeckt.

Solche Programme existieren seit über 20 Jahren an einer Reihe von Schulen und gehen von der Annahme aus, dass frühes aggressives Verhalten von Kindern ein Risiko für spätere Gewaltttätigkeiten und kriminelles Verhalten ist. Ob und wie die unterschiedlichen Ansätze aber dazu geeignet sind, gewalttätiges Verhalten wirksam und auf Dauer zu verhindern, war lange Zeit nicht eindeutig geklärt.

Ein 2006 veröffentlichter "Cochrane Review" über 56 randomisierte und vor allem kontrollierte Studien über die Wirksamkeit von Gewaltpräventionsprogrammen an meist us-amerikanischen Pflichtschulen verringerte diese Unklarheiten erheblich. Die Wirksamkeit wurde unmittelbar nach der präventiven Intervention und in einigen Studien auch noch zusätzlich nach 12 Monate gemessen. Dabei wurde die Wirkung unterschiedlicher Präventionsprogramme gegen Schulen ohne Intervention und einige Schulen mit Placebointerventionen gemessen. Dies erfolgte durch mehrere standardisierte Tests und unter Zuhilfenahme von Schuldokumenten über Gewalttätigkeiten. Studien, in denen allgemeine Verhaltensprobleme von Kindern und Jugendlichen beeinflusst werden sollten oder positive Verhaltensweisen trainiert wurden, waren ausgeschlossen.

• In 34 Studien mit 2.939 SchülerInnen konnte aggressives Verhalten in der Interventionsgruppe unmittelbar nach der Intervention signifikant reduziert werden (standardisierte Mittelwertunterschiede [standardised Mean Difference=SMD] = -0,41).
• Dieser Unterschied blieb auch in den 7 Studien erhalten, die den Effekt der Wirksamkeit auf aggressives Verhalten ein weiteres Mal 12 Monate nach der Intervention erhoben hatten (SMD = -0,40).
• Die Erfolge der Interventionen lassen sich auch daran bemessen, dass die Häufigkeit von Disziplinarmaßnahmen der Schule oder der Schulbehörden wegen aggressiven Verhaltens von Schülern nach den 9 Studien, die dazu Daten liefern, in den Interventionsschulen deutlich (SMD = -0,48) reduziert werden konnte. Das Gewicht dieser Effekte wird nur dadurch etwas gemindert, dass 2 dieser Studien lediglich Follow-ups nach zwei bis vier Monaten durchführten.

Weitere differenzierte Analysen in Untergruppen zeigten auch programmbezogene Unterschiede der messbaren Wirksamkeit. Die Reviewer heben hervor, dass Interventionen, die darauf abzielen, die Beziehungsfähigkeit oder die sozialen Fähigkeiten ("social skills") zu verbessern, wirksamer sein können als Maßnahmen, die den Schülern beizubringen versuchen, nicht auf Provokationen von Mitschülern oder Umständen zu antworten. So betrug der SMD-Wert in Programmen, die sich allein um die Beziehungsfähigkeit und soziale Fähigkeiten bemühten -0,61, der von Programmen mit dem Fokus auf Fähigkeiten, sich nicht zu Gewalttätigkeiten provozieren zu lassen -0,39.

Die reviewten Studien zeigten schließlich keine Wirksamkeitsunterschiede zwischen den Schulformen und damit auch den biographischen Interventionszeitpunkten: Der nachweisbare Nutzen der Interventionen war ähnlich, unabhängig davon, ob sie in Primar- oder Sekundarschulen erbracht wurden. Keinen Unterschied beim Nutzen gibt es auch zwischen koedukativen und reinen Jungenklassen.

Nach Ansicht der Wissenschaftler muss die in diesem Review u.a. wegen des Mangels an Studien ausgeklammerte Inzidenz von gewaltbedingten Verletzungen und die Wirksamkeit der Interventionen nach mehr als 12 Monaten noch untersucht werden.

Von dem 77 Seiten umfassenden Cochrane Review ist kostenlos ein umfangreiches Abstract zugänglich: Mytton J., DiGuiseppi C., Gough D., Taylor R., Logan S.: School-based secondary prevention programmes for preventing violence (2007 online publiziert im Cochrane Review Journal "Evidence-Based Child Health" 2: 814-891)

Bernard Braun, 24.4.09