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Keine oder nur geringe Wirkungen von Sexualerziehungsprogrammen für Teens in den USA auf ihr Sexualwissen und -verhalten

Artikel 1299 Die fast reflexhaft auf nahezu alle Unzulänglichkeiten der Einstellung und des Verhaltens von Menschen mit traditionellen Aus- und Weiterbildungsangeboten reagierenden Akteure mögen es nicht gerne hören: Die Wirkung derartiger Interventionen und zahlreicher anderer schriftlicher und mündlicher Methoden der Wissensverbreitung und des Verhaltenstrainings ist meist bescheiden oder nicht vorhanden.

Genaueres findet man für eine Vielzahl von Konzepten und Modellen nachwievor in der einzigartigen vom "Centre of Reviews and Dissemination" an der Universität York im Auftrag des NHS gepflegten Datenbank "Database of Abstracts of Reviews of Effects (DARE)", in der laufend (aktuell ca. 5.000 Dokumente) die zur Wirkung der erschiedenartigsten Transfer- und Verbreitungsmethoden im Gesundheits- und Sozialbereich gemachten seriösen Untersuchungen und Evaluationen dokumentiert sind.

Ein ganz aktuelles und unerwartetes Beispiel für die praktische Wirkungs- und Nutzlosigkeit immer wieder eingesetzter Methoden und Programme zur Einstellungs- und Verhaltensveränderung liegt nun aus den USA vor. Angesichts der insbesondere im weiten ländlichen Bereich der USA vorherrschenden äußerst prüden Sexualmoral (zumindest nach außen) und dem großen Problem der zahlreichen Teenagermütter, gibt es in den USA ein gesetzlich geordnetes Erziehungsangebot (Title V, Section 510 Abstinence Education Program) für heranwachsende junge Menschen. In den zahlreich angebotenen Erziehungsprogrammen sollen die jungen Menschen am besten noch vor ihren ersten ernsthaften sexuellen Aktivitäten umfänglich über Risiken von früher Schwangerschaft und durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragbare Geschlechtskrankheiten informiert werden. Ein übergreifendes Ziel der Programme ist auch, die Zielgruppe vom Sinn und Nutzen sexueller Abstinenz oder Zurückhaltung in sehr jungen Jahren zu überzeugen.

Eine Gruppe von Gesundheitswissenschaftlern untersuchte nun vier, in unterschiedlichen Bundesstaaten der USA angebotene Abstinenzprogramme auf ihre Wirkung. Bei den Programmen handelt es sich um My Choice, My Future! in Powhatan, Virginia, um ReCapturing the Vision in Miami, Florida, um Families United to Prevent Teen Pregnancy (FUPTP) in Milwaukee, Wisconsin und um Teens in Control in Clarksdale, Mississippi.

Die Wirkung wurde in einem experimentellen Design überprüft, das Surveydaten zum Sexualwissen und -verhalten aus den Jahren 2005 und 2006 von 2.057 Heranwachsenden nutzte, die vier bis sechs Jahre zuvor eines dieser Programme besucht hatte oder auch gar nichts damit zu tun hatte. Die Teenager wurde per Zufallsauswahl entweder in eine Gruppe mit Programmteilnahme (n=1.209) oder ohne aufgeteilt. Die Responserate der zu ihrem aktuellen Verhalten und Wissen Befragten betrug insgesamt erfreulich hohe 82 %.

Die Ergebnisse der gerade im "Journal of Policy Analysis and Management" ( Volume 27, Issue 2: 255-276) publizierten Studie "Impacts of Abstinence Education on Teen Sexual Activity, Risk of Pregnancy, and Risk of Sexually Transmitted Diseases" von Christopher Trenholm, Barbara Devaney, Kenneth Fortson, Melissa Clark, Lisa Quay und Justin Wheeler sind knapp und deutlich:

• Es finden sich keinerlei signifikante Wirkungen der Sexualerziehungsprogramme auf das sexuelle Verhalten der Teens, d.h. beispielsweise auf die Häufigkeit sexueller Kontakte.
• Bei den Raten ungeschützten Geschlechtsverkehrs gibt es keine Unterschiede zwischen Programmnutzern und Nichtnutzern.
• Lediglich beim Wissen über ansteckende Geschlechtskrankheiten, dem erwarteten Nutzen von Kondomen und Anti-Babypillen gibt es einige auch statistisch signifikante Wirkungen einiger Programme.
• Erfreut stellten die ForscherInnen aber fest, dass die Befürchtungen Politiker und Pädagogen, die Programme würden sogar das Risiko von Teenagerschwangerschaften und ansteckender Geschlechtskrankheiten erhöhen, nicht zutreffen.
• Bei den Heranwachsender beider Untersuchungsgruppen existieren aber immer noch wichtige Wissenslücken über Geschlechtskrankheiten.
• Insgesamt zeigt die Studie, dass die Hoffnung auf Wirkungen durch die Nutzung derartiger Programme in sehr jungen Jahren weitgehend nicht erfüllt wird.
• Auch wenn die WissenschaftlerInnen darauf hinweisen, dass sie nur die Wirkungen von wenigen der zahllosen Programmen untersucht haben, gibt es kaum Grund zur Annahme, dass andere Programme völlig andere Wirkungen bzw. Nichtwirkungen haben.

Der komplette, 20 Seiten umfassende Aufsatz "Impacts of Abstinence Education on Teen Sexual Activity, Risk of Pregnancy, and Risk of Sexually Transmitted Diseases" über die Studienergebnisse ist kostenlos erhältlich

Bernard Braun, 19.7.2008