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Prävention
Präventionspolitik, Präventionsprogramme


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Stringentere Geschwindigkeitskontrollen sind zur Unfall-Prävention überaus effektiv, Bußgelderhöhungen eher fragwürdig

Artikel 0950 Verkehrssünder sollen künftig tiefer in die Tasche greifen. Das Bundesverkehrsministerium kündigte an, dass Bußgelder bei Verkehrsverstößen ab 2008 drastisch angehoben werden - in einigen Fällen um bis zu 100 Prozent. Die Maßnahme ist nach Aussage von Bundesverkehrsminister Tiefensee präventionsorientiert und soll dazu dienen, dass "Verkehrsrowdys ihr Verhalten ändern". Kritik meldeten jedoch der Auto-Club Europa (ACE) an ("reine Geldscheffelei") und der ADAC an: "Höhere Bußgelder bedeuten in erster Linie Mehreinnahmen für den Staat, aber noch nicht mehr Verkehrssicherheit. Das zeigt der Vergleich mit dem europäischen Ausland, wo trotz drastischer Strafen oftmals höhere Unfallzahlen zu beklagen sind," erklärte Ulrich Klaus Becker, ADAC-Vizepräsident für Verkehr. "Verkehrssicherheit erhöht man nicht allein durch einen tieferen Griff in den Geldbeutel des Autofahrers." Nötig seien intensivere Verkehrskontrollen an Gefahrenstellen und eine Strafverschärfungen bei gefährlichen Vergehen wie Alkohol- und Drogenfahrten und hohen Geschwindigkeitsüberschreitungen.

Tatsächlich weckt das Vorhaben, das allein auf finanzielle Sanktionen setzt und auf eine stringentere Verkehrsüberwachung und systematischere Geschwindigkeitskontrollen verzichtet, den Verdacht, dass hier weniger Unfall-Prävention als sehr viel eher Haushalts-Mehreinnahmen als Zielsetzung im Vordergrund stehen. Eine Reihe internationaler Studien hat andererseits in den letzten Jahren gezeigt, dass Geschwindigkeitskontrollen durch Kamera-Überwachung ("Radarfallen") eine überaus effektive Maßnahme zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und Reduzierung von Unfällen sind.

Im Großraum Barcelona fand im Zeitraum 2001-2005 eine mehrjährige Beobachtungsstudie statt, deren Ergebnisse jetzt in der Zeitschrift "American Journal of Public Health" veröffentlicht wurden. Auf dem etwa 24 km langen Autobahnring rund um die Stadt wurden 8 Kameras zur Geschwindigkeitskontrolle verwendet, die an unterschiedlichen und wechselnden Standorten aufgestellt wurden. Autofahrer wurden über die Medien ausführlich über diese Maßnahme informiert, und auch auf der Autobahn selbst wies eine große Zahl von Warnschildern ("Radarkontrolle") auf die Überwachung des Tempolimits von zumeist 80 km/h hin. Unfälle wurden über einen mehrjährigen Zeitraum - vor, während und noch zwei Jahre nach der neuen Geschwindigkeitskontrolle - minutiös protokolliert. Als Ergebnis zeigte sich, dass die Unfallzahl am Ende auf 75% des vorherigen Niveaus gesunken war. Für die als Vergleich herangezogene Stadtautobahn (ohne Kamera-Überwachung) zeigte sich keine Veränderung. Im Einzelnen bedeutete dies auf dem Autobahnring eine jährliche Reduktion von
• 638 auf 486 Zusammenstösse,
• 946 auf 696 Verletzungen von Personen,
• 1466 auf 1108 beteiligte Unfallfahrzeuge.
Ein Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Katherine Pérez u.a.: Reducing Road Traffic Injuries: Effectiveness of Speed Cameras in an Urban Setting (American Journal of Public Health, September 2007, Vol 97, No. 9, 1632-1637)

Bereits zwei Jahre zuvor hatte eine Übersichtsstudie, veröffentlicht in der Zeitschrift "British Medical Journal (BMJ)" insgesamt 14 Studien ausgewertet und war zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Mit einer Ausnahme zeigten alle Untersuchungen, dass die Zahl der Verkehrsunfälle nach der Einführung verschärfter Geschwindigkeitskontrollen gesunken war, teilweise über einen Zeitraum von 4,6 Jahren nach Beginn der Maßnahmen. Die Zahl der Unfälle sank in den einzelnen Studien um 5%-69%, die Zahl der Verletzungen von Personen um 12%-65% und die Zahl der unfallbedingten Todesfälle um 17-71%.
Die Studie ist hier im Volltext nachzulesen: Paul Pilkington, Sanjay Kinra: Effectiveness of speed cameras in preventing road traffic collisions and related casualties: systematic review (BMJ 2005;330:331-334)

Gerd Marstedt, 8.10.2007