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Zwischen Religion und real existierendem Sozialismus - Ursachen der Selbsttötungen in der DDR

Artikel 0668 Sollten die Besucher des mit dem diesjährigen Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichneten Films "Das Leben der Anderen" beim zentralen Plot eher an einen gelungenen Einfall der Filmemacher als an die epidemiologische Wirklichkeit gedacht haben, haben sie sich geirrt.
Dieser Plot, der in der DDR unerwünschten Berichterstattung über die hohe Anzahl der Selbsttötungen und der dennoch erfolgenden Mitarbeit eines der Filmprotagonisten an einer anonymen Titelgeschichte des SPIEGELS, entspricht nämlich im Kern der Wirklichkeit.

Sie ist ausführlich in der 2006 unter dem Titel "In einem Anfall von Depression ..." Selbsttötungen in der DDR" veröffentlichten Doktorarbeit des Leipziger Historikers und Biochemikers Udo Grashoff beschrieben. Sie ist nicht nur als eine Art "Hintergrunds-Buch zum Film" interessant, sondern auch wegen der darin enthaltenen Überlegungen zu den komplexen Ursachen der dort aufgearbeiteten epidemiologischen und gesundheitlichen Wirklichkeit.

Zunächst dokumentiert Grashoff die weit über der vergleichbaren Selbsttötungsrate z.B. der alten BRD liegende Entwicklung in der DDR:

• Nach 1961, dem Jahr des Mauerbaus, nahmen sich in der DDR jährlich fast doppelt so viele Menschen das Leben wie in der Bundesrepublik - nämlich 35 je 100 000 Einwohner. Darunter viele ältere Menschen über 60 sowie Jugendliche.
• Interessanterweise war die Suizidrate in den Gefängnissen und in der Armee der DDR niedriger als anderswo.
• Da die DDR damit an der Spitze vergleichbarer Länder lag, verbot die politische Führung in der DDR auch, diese Daten an internationale Einrichtungen weiterzugeben.

Die zunächst naheliegende Erklärung, die Selbstmordrate sei im wesentlichen Folge der politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse bzw. der Unterdrückung in der DDR (zwischen Repression und Depression), hinterfragt der Autor mit einem Blick auf die Suizidstatistik vor der Existenz der DDR. Seine Ergebnisse sind eindeutig und verwerfen derartig kurzatmige und einfache Erklärungsmuster:

• Zum einen weist er darauf hin, dass Selbstmordraten sehr stabil sind, d.h. sich weder positiv noch negativ entlang von ökonomischen oder sozialen Konjunkturen verändern.
• Auch wenn der Autor detailliert und faktenreich die Zusammenhänge zwischen politischen Situationen und Selbsttötungsveränderungen schildert, kommt er insgesamt dann doch zu folgendem Ergebnis: "Die sehr hohe Selbsttötungshäufigkeit in der DDR lässt sich (zum Großteil) nicht auf politische oder ökonomische Bedingungen zurückführen. Vielmehr muss sie angesehen werden als Ausdruck langfristig relativ stabiler mentaler Prägungen sowie als Folge der durch unterschiedliche Konfessionen geprägten Milieus."
• Zu den wirkmächtigsten Milieufaktoren gehört in diesem Kontext die Religiosität und spezifische Religionszugehörigkeit. So war bereits im 19. Jahrhundert die Selbsttötungsrate in protestantischen Industriegebieten und Städten, etwa in Sachsen, höher als in ländlichen und meist katholisch geprägten Gegenden wie dem Münsterland. Im Jahr 1900 lag die Zahl von Selbstmorden in der protestantischen Industrie- und Handelsstadt Hamburg genau so hoch wie in der DDR.
• Ein Rezensent, Manfred Vasold in der Zeitschrift "Gehirn und Geist 4/2007", fasst Grashoffs historische Betrachtung so zusammen: "Die Selbstmordrate in Sachsen und Thüringen sei lange zuvor schon höher gewesen als etwa im Münsterland, einem traditionell ausgerichteten, katholischen Gebiet. Dieser Trend hätte sich in der DDR fortgesetzt und unter der Diktatur verstärkt."

Es handelt sich um das Buch: Udo Grashoff (2006): "In einem Anfall von Depression ..." Selbsttötungen in der DDR. Forschungen zur DDR-Gesellschaft, 2006. Es ist im Umfang von über 500 Seiten im Verlag LINKS erschienen, hat die ISBN: 9783861534204 und kostet 29,90 EUR.

Bernard Braun, 22.4.2007