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Meta-Analyse von 148 Studien zeigt: Soziale Isolation und Einsamkeit sind ein höheres Gesundheitsrisiko als das Rauchen

Artikel 1839 Unzureichende soziale Kontakte und Isolation, so hat eine jetzt in der Zeitschrift "PLoS Medicine" veröffentlichte Meta-Analyse gezeigt, erhöhen das Sterblichkeitsrisiko um 50 Prozent im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen mit starken sozialen Beziehungen. 148 Studien mit 308.849 Teilnehmern wurden von dem US-amerikanischen Forschungsteam in die Meta-Analyse einbezogen und noch einmal neu bilanziert. Dabei versuchte man, die Effektstärke unterschiedlicher Formen sozialer Kontakte für die Mortalität zu bestimmen.

In die Analyse einbezogen wurden nur Studien:
• die über einen längeren Zeitraum als Verlaufsstudie durchgeführt worden waren, die durchschnittliche Verlaufsdauer betrug 7,5 Jahre, die längste Dauer einer Studie war 41 Jahre,
• die Studien mussten auch in quantitativer Form Auskunft geben über den Zusammenhang von sozialen Beziehungen und Mortalität,
• dabei sollten unterschiedliche Operationalisierungen einbezogen sein, strukturelle Aspekte (Single-Status, allein wohnen, verheiratet sein) oder auch funktionelle (Erhalt sozialer Unterstützung, intensive soziale Integration), Studien, die nur Unterschiede zwischen Verheirateten und Singles untersuchten, wurden ausgeschlossen,
• ebenso wurden solche Studien ausgeschlossen, bei denen Mortalitäts-Daten auch oder ausschließlich durch Suizid oder Gewalttaten verursacht waren.

In multivariaten Analysen wurden dann Zusammenhänge untersucht zwischen den verschiedenen, in den Studien fokussierten Formen positiver bzw. negativer sozialer Beziehungen einerseits (Status alleinstehend versus verheiratet oder in fester Beziehung, starke versus schwache soziale Integration aufgrund von Aktivitäten in Vereinen, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis etc.) und Sterblichkeitsraten andererseits. Kontrolliert wurden dabei auch andere potenzielle Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und Erkrankungen zu Beginn der Verlaufsstudie, Todesursachen.

Als Ergebnis dieser Analysen wurden dann folgende Effektstärken (Odds-Ratios) ermittelt für eine vorzeitige Sterblichkeit:
• Erhalt sozialer Unterstützung: 1,22
• Einsamkeit: 1,45
• allein leben: 1,19
• verheiratet - alleinstehend: 1,33
• soziale Isolation 1,40
• soziale Integration:1,52
• komplexe Messungen sozialer Integration: 1,91

Schlichte und nur zweistufige Erfassungen sozialer Beziehungen (z.B. allein wohnen ja/nein, verheiratet sein ja/nein), so fassen die Wissenschaftler ihre Befunde zusammen, zeigen zwar statistisch signifikante, aber quantitativ doch schwächere Effekte für die Sterblichkeit. Komplexe Studiendesigns andererseits, in denen eine größere Zahl von Indikatoren erfasst wird (Größe und Stärke des sozialen Netzwerks, Art der Freizeitaktivitäten, Gefühle von Einsamkeit etc.) bieten überaus starke Vorhersagen für die Lebenserwartung. Bei Personen mit einer sehr schwachen sozialen Integration, die differenziert erfasst wurde, ist das Mortalitäts-Risiko fast doppelt so hoch (1,91).

Die Wissenschaftler vergleichen in ihrer Studie schließlich auch die Effektstärke von Einsamkeit und sozialer Isolation mit der von anderen gesundheitlichen Risikofaktoren. Dabei wird deutlich, dass solche sozial defizitären Bedingungen (sofern sie auf differenziert gemessen wurden) ein deutlich höheres gesundheitliches Risiko darstellen als konventionelle Einflussfaktoren, wie zum Beispiel das regelmäßige Rauchen von 15 Zigaretten am Tag oder Alkoholkonsum mit 6 oder mehr Drinks täglich.

Die Studie ist als HTML-Datei oder im PDF-Format hier kostenlos verfügbar: Julianne Holt-Lunstad, Timothy B. Smith, J. Bradley Layton: Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review (PLoS Med 2010; DOI: 10.1371/journal.pmed.1000316)

Die Wissenschaftler weisen zwar darauf hin, dass Gesundheitszustand und Vorerkrankungen zu Beginn der Studien miterfasst und in den statistischen Analysen als mögliche Störfaktoren ("Confounders") miteinbezogen wurden. Gleichwohl kann man einen eindeutigen Kausal-Zusammenhang ("Gute soziale Beziehungen halten gesund und erhöhen die Lebenserwartung") auch für diese Meta-Analyse nicht als gesichert unterstellen. Denn der umgekehrte Verursachungsmechanismus ("Gesunde Personen haben eher Zeit, Ressourcen und Interesse in Bezug auf soziale Beziehungen") ist auch hier zumindest teilweise denkbar, da die zeitliche Entwicklung des Gesundheitszustands nicht überprüft wurde.

In einer unlängst erschienenen deutschen Studie mit Längsschnittdaten des "Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP)" hatte sich nämlich gezeigt: Die Ehe hat keine kausal positive gesundheitliche Wirkung im Sinne eines Schutzes vor Stress oder einer Erhöhung des psychischen und somatischen Wohlbefindens. Die bessere Gesundheit von Verheirateten lässt sich stattdessen "vollständig" durch die "Selektion der Gesünderen in die Ehe erklären." Es zeigt sich, "… dass bei schlechter Gesundheit die Heiratswahrscheinlichkeit bei Männern um 45 % niedriger ist als bei guter Gesundheit. Bei den Frauen beträgt der Effekt 49 %. Damit kann davon ausgegangen werden, dass dem Selektionseffekt ein deutlicher Einfluss zukommt: Gesündere heiraten häufiger als Ungesündere."
Vgl. Hält die Ehe gesund oder heiraten Gesündere häufiger als Ungesündere - Protektion oder Selektion?

Gerd Marstedt, 30.7.10