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Englische Studie: Internet-Seiten bieten öfter Unterstützung für Selbstmordpläne als Hilfe und Prävention

Artikel 1199 Im Februar 2008, hatte eine "unheimliche Selbstmord-Serie" für großes Aufsehen gesorgt: 17 Jugendliche hatten sich innerhalb eines Jahres in der kleinen walisischen Gemeinde Cefn Cribbwr das Leben genommen. Nach wie vor besteht großes Rätselraten über die Motive der Jugendlichen. Auch die Frage, ob die für ein kleines Dorf überaus merkwürdigen Serientat sich daraus erklärt, dass die Jugendlichen sich im Internet kennen gelernt und Kontakt gepflegt haben, ist noch unbeantwortet. Anlass zu einer solchen Vermutung könnten Ereignisse aus Japan sein, als sich im Oktober 2004 zwei Gruppen von Jugendlichen über das Internet zur gemeinsamen Selbsttötung verabredeten.

Die seither immer wieder aus Japan berichtete "Verabredung zum Selbstmord im Internet", die von psychologischer Seite als überaus besorgniserregender Effekt der Internet-Verbreitung interpretiert wurde (vgl.: "Suicide pacts and the internet"), war dann Anlass für eine englische Forschungsgruppe aus Oxford, sich mit den im Internet zugänglichen Informationen zum Selbstmord intensiver zu beschäftigen.

Zentrales Ergebnis ihrer Analysen war dann: Für Personen, die im Internet nach praktischen Hinweisen zur Durchführung eines geplanten Selbstmords suchen, werden tatsächlich dazu sehr konkrete Hinweise und Tipps geliefert. Informationen zur Prävention eines Suizids andererseits, durch Berichte oder auch Verweise auf hilfeleistende Einrichtungen, sind sehr viel seltener zu finden. Die Forschungsgruppe recherchierte mit mehreren Suchmaschinen nach englischsprachigen Websites, die sich mit dem Thema Selbstmord beschäftigen. Die verwendeten Suchbegriffe waren dabei "(a) suicide; (b) suicide methods; (c) suicide sure methods; (d) most effective methods of suicide; (e) methods of suicide; (f) ways to commit suicide; (g) how to commit suicide; (h) how to kill yourself; (i) easy suicide methods; (j) best suicide methods; (k) pain-free suicide, and (l) quick suicide."

Die zehn ersten Fundstellen jeder Suche wurden näher ausgewertet, bei 480 Treffern stieß man auf insgesamt 240 verschiedene Seiten. Bei diesen wurde dann unter anderem analysiert, ob die Seite sich mit dem Thema neutral, negativ-ablehnend oder positiv-befürwortend auseinander setzte, ob es sich um Websites speziell zum Thema Selbstmord handelte oder nicht. Bei jenen insgesamt 90 Seiten, die sich speziell dem Thema widmeten, fand man, dass etwa die Hälfte eine zum Suizid ermutigende oder diesen erleichternde Information bot. Umgekehrt boten lediglich 13 Prozent der gefundenen Internetseiten Texte zur Selbstmord-Prävention und nur 12 Prozent versuchten, Benutzer durch Argumente an ihrem Vorhaben zu hindern. Nicht ganz 10 Prozent enthielten neutrale, entweder rein sachliche oder scherzhafte Informationen zum Thema.

Die drei Websites, auf die die Wissenschaftler bei ihrer Suche am meisten stießen, waren durchweg solche, die den Selbstmord durch entsprechende Informationen befürworten oder erleichtern. Darunter war auch die am allerhäufigsten, unter zehn verschiedenen Web-Adressen gefundene Seite "Alt Suicide Holiday (ASH)", in der detailliert und emotionslos eine Vielzahl von Selbstmord-Techniken beschrieben wird, auch mit dem Hinweis wie schnell und wie effektiv diese jeweils wirken. Auch die englischsprachige Wikipedia-Seite zum Selbstmord war unter den Top 10, und auch dort finden sich unter der Unterrubrik Suicide Methods detaillierte Beschreibungen verschiedenster Methoden.

Die Forscher diskutieren auch die Frage, inwieweit ein Verbot solcher Seiten gesellschaftlichen Prinzipien der freien Meinungsäußerung widerspricht bzw. zu einer Vermeidung von Selbstmorden beitragen kann. In Australien ist dies seit 2006 tatsächlich gesetzlich untersagt.

Die Studie ist hier im Volltext nachzulesen: Lucy Biddle u.a.: Suicide and the internet (BMJ 2008;336:800-802 (12 April), doi:10.1136/bmj.39525.442674.AD)

Gerd Marstedt, 14.4.2008